Nesselsucht – Immunsystem auf Abwegen?

Allgemein Dermatologe
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Oft steckt hinter der chronischen Nesselsucht ein Fehler im Immunsystem. Genaue Ursachenforschung ergibt neue Möglichkeiten für die Therapie.

Dort, wo der Körper in direktem Kontakt mit der Außenwelt steht, erfüllt das Immunsystem eine besondere Aufgabe. Haut und Schleimhäute rund um solche Eintrittspforten wie Nase und Mund enthalten zahlreiche Mastzellen. Diese Unterart der weißen Blutzellen hat die Aufgabe, feindliche Bakterien und Parasiten zu erkennen und zu melden. Ist eine Mastzelle alarmiert, schickt sie Histamin aus ihrem Inneren ins Blut. Dieses Hormon ist das Signal für Abwehrzellen und Entzündungsstoffe, den Kampf gegen die Erreger aufzunehmen.

Die Folgen sind spür- und sichtbar. Die Blutgefäße weiten sich, Haut und Schleimhäute schwellen an. Weil sich Mastzellen hauptsächlich in den Grenzregionen zwischen Körper und Umwelt befinden, entstehen auch hier deutliche Reaktionen: auf der Haut, in den Atemwegen und im Verdauungstrakt. Bei einer Nesselsucht, die ebenfalls durch Histaminausschüttung ausgelöst wird, zeigen sich typische Quaddeln, starker Juckreiz und Hautrötungen. Schluckbeschwerden und Atemnot können hinzukommen.

Urtikaria: oft keine Allergie

Bei der Nesselsucht, medizinisch: Urtikaria, gibt es verschiedene Formen. Etwa jeder dritte chronische Typ ist eine autoreaktive Urtikaria. Ihr Verlauf ist häufig besonders schwer und lang-anhaltend. Seltener ist die allergische Variante, die bei Kontakt zu einem Allergen abläuft. Ebenso die Infekt-Urtikaria, die durch chronische Entzündungen im Körper entsteht. Bei Menschen mit autoreaktiver Urtikaria richtet sich die Immunabwehr nicht gegen einen Fremdstoff. Bei ihnen entstehen Abwehrstoffe ohne unmittelbaren Anlass. Diese sogenannten Antikörper kämpfen gegen die eigenen Immunzellen oder gegen die Mastzellen selbst.

Test gibt Klarheit

Ob eine autoreaktive Urtikaria vorliegt, lässt sich mit einem Test überprüfen. Beim autologen Serumtest werden aufbereitete Bestandteile aus dem eigenen Blut in die Haut injiziert. Entsteht hier eine deutliche Schwellung, ist die Diagnose so gut wie sicher. Weitere Untersuchungen können Hinweise auf die Art der falsch programmierten Antikörper liefern und eine spezifische Immuntherapie ermöglichen.

Mehrstufige Therapie

Vorbeugung ist nur eingeschränkt möglich. Bestimmte Substanzen können Urtikaria-Schübe auslösen. Dazu gehören Wirkstoffe in Medikamenten wie Acetylsalicylsäure, Diclofenac oder Ibuprofen. Bei manchen Menschen verursachen Alkohol oder Kaffee die typischen Reaktionen. Alle bekannten Auslöser sind konsequent zu meiden. Zusätzlich kann eine medikamentöse Basistherapie die Mastzellen daran hindern, den Alarmbotenstoff Histamin freizusetzen. Die Gabe eines Antihistaminikums reduziert häufig die Schübe und erhöht für viele Menschen mit Urtikaria die Lebensqualität. In Akutphasen konzentriert sich die Behandlung auf die Symptome. Gegen Entzündungen, Quaddeln und Juckreiz helfen Gels und Cremes mit Menthol, Zinkoxid oder Inhaltsstoffen, die lokal für eine leicht betäubende Wirkung sorgen.

Moderne Immuntherapie

Konnten Untersuchungen zeigen, dass sich fehlgeleitete Antikörper gegen bestimmte Strukturen der Mastzellen richten, kommt eine weitere Behandlung infrage: Arzneimittel, die das Immunsystem unterdrücken und genau dort ansetzen, wo der Immunfehler passiert. Dazu zählen Wirkstoffe wie Glucocorticoide oder Ciclosporin A. Eine weitere mögliche Therapie bei autoreaktiver Urtikaria ist es, die problematischen Antikörper aus dem Blut herauszufiltern (Plasmapherese). Mediziner setzen außerdem Hoffnungen in Biologika. Das sind modifizierte Antikörper aus dem Labor, die in gestörte Immunabläufe gezielt eingreifen sollen.

Ausführliche Informationen finden Sie unter: www.urtikaria.net

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Quelle: S&D Verlag GmbH, Geldern