Die älteste Medizin der Welt
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Schon vor Tausenden von Jahren sammelten die Menschen Kräuter – zur Linderung von Beschwerden und um Wunden zu versorgen. Doch woher wussten sie, was ihnen hilft? Und ist es nicht interessant, dass wir heute noch immer viele dieser Pflanzen einsetzen – zu den gleichen Zwecken?
So machten es unsere Vorfahren aus der Steinzeit: Sie beobachteten – vornehmlich Tiere – und ahmten nach. Hatte sich eines ihrer Torfschafe verletzt, wälzte es sich in Schafgarbe und fraß vermehrt von diesem Kraut. Bei der nächsten Schramme probierten es die Menschen selbst aus und stellten fest: Schafgarbe hat eine wundheilende Wirkung. Dies ist nur ein Beispiel von vielen; denn dass Bärenklau, Silberweide und Wiesenkerbel Parasiten fernhalten können, wusste man schon früh, weil man sah, dass Stare ihre Vogelnester damit polsterten. Auf ähnliche Weise muss Ötzi darauf gekommen sein, seine Wanderapotheke zu bestücken. Bei der 5.300 Jahre alten Gletschermumie fand man Birkenporlinge, die ihm – wie man heute vermutet – bei Verdauungsbeschwerden helfen sollten.
Die ersten Kräuterbücher
Die ersten schriftlichen Hinweise, wie Pflanzen einst medizinisch genutzt wurden, stammen unter anderem aus dem alten Ägypten. „Papyrus Ebers“, der älteste aller Funde, ist datiert auf etwa 1.500 vor Christus. Auf dieser 19 Meter langen Schriftrolle befinden sich die frühesten Beschreibungen von Krankheiten und deren Behandlungen. In der Antike dann begann die Überlieferung von Heilpflanzenwissen, neue Formen anzunehmen. „De Materia Medica“ gilt bis heute als eines der wichtigsten pharmakologischen Kräuterbücher überhaupt. Verfasst hat es der griechische Arzt Dioskurides im ersten Jahrhundert. Mehr als 600 Pflanzen sind darin illustriert und systematisch aufgelistet, inklusive Wirkung und Anwendungsempfehlungen. Unter anderem findet sich bereits Safran darin als Mittel für Geist und Gemüt.
Pioniere der Phytotherapie
Mit erstklassigem Kräuterwissen verbinden wir heute große Namen wie Hildegard von Bingen (1098-1179), die als Benediktinerin und wohl bekannteste Nonne des Mittelalters die Klostermedizin auf den Weg brachte. Ihre ganzheitliche Methode, die auf Kräuterkunde, Ernährung und der Verbindung von Körper, Geist und Seele basiert, ist heute aktueller denn je. Auch Paracelsus (1493–1494), der Schweizer Alchemist und Philosoph, lehrte, dass Heilmittel in der Natur zu finden sind. Zudem war er Arzt und gilt als einer der wichtigsten Vorreiter der wissenschaftlichen Phytotherapie.
Von der Klostermedizin zur Apotheke
Der Weg von der Klostermedizin hin zu den ersten Apotheken war dann gar nicht mehr weit. Vor fast 800 Jahren entstanden die ersten ihrer Art, die zunächst als Lagerräume für Tee, Gewürze und Kräuter dienten. Neben Ärzten entwickelte sich eine ganz neue Berufsgruppe: Heilmittelkundige, die medizinische Rezepturen herstellten, vorwiegend aus „Drogen“, damit sind im Wesentlichen getrocknete Pflanzenteile gemeint. Heilen mit Kräutern gilt daher als die älteste Medizin der Welt. Vielfach stand Grünes sogar als Vorbild für die synthetische Herstellung. Bekanntestes Beispiel ist der schmerzstillende und fiebersenkende Wirkstoff Acetylsalicylsäure – er stammt ursprünglich aus der Weidenrinde.
Zurück zur Natur
Mit dem Siegeszug der modernen Medizin und der industriellen Herstellung von Arzneien rückten die Heilpflanzen im 20. Jahrhundert weitgehend in den Hintergrund. Man wollte die schnell wirkende, weiße Tablette und nicht den Tee. Inzwischen besinnen sich viele von uns auf das alte Kräuterwissen zurück und verknüpfen es mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen von heute. Wir nutzen also das Beste aus zwei Welten, wenn wir leichte Alltagsbeschwerden auf natürliche Weise behandeln.
Quelle: S&D Verlag GmbH, Geldern – leserservice.sud-verlag.de
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