Eine Frau bemalt in ihrem Atelier mit dem Pinsel eine Keramikvase, während sie telefoniert.

Hirnforschung: Mythos Multitasking

Frühstücken und dabei E-Mails be­antworten, kochen und zugleich telefonieren, fernsehen und am Smartphone shoppen, Auto fahren und Podcast hören … Multitasking bestimmt längst unseren Alltag und betrifft nicht nur »High Performer«, die im Job alles auf einmal managen. Lange hielt man das für super effektiv und ein Zeichen mentaler Fitness. Und wer eins nach dem anderen erledigte, galt als etwas langsam. Heute weiß man: Multitasking ist ein Mythos und das Streben danach gilt eher als Fluch anstatt als Segen. Zahlreiche Studien belegen, dass es die grauen Zellen be- und überlastet und letztlich zum Burn-out führen kann. Schauen wir mal, was da in unserem Gehirn passiert und welche Alternativen es gibt. 

Der Begriff Multitasking stammt aus der Informatik und steht für Computer, die mehrere Programme und Aufgaben gleichzeitig ausführen. Viele glaubten, unser Gehirn könne das auch, insbesondere das weibliche … Beides falsch! Hirnforscher sind sich einig, dass wir komplexe Aufgaben nicht parallel erledigen können. Entweder setzt das Gehirn Prioritäten und schiebt weniger Wichtiges in den Hintergrund, zum Beispiel den Podcast beim Autofahren. Oder es wechselt zwischen Aufgaben hin und her. Solche »Task-Switchs« dau­ern einige Sekunden, die wir oft gar nicht realisieren. Aber sie rauben Energie, verringern die Konzentration und Aufmerksamkeit – vergleichbar mit 0,8 Pro­mille Alkohol im Blut! So zeigen es Studien, bei denen die Hirnaktivitäten der Teilnehmer in verschiedenen Situationen ausgewertet wurden. Unterschiede zwischen Frauen und Männern konnten übrigens nicht festgestellt werden! 

Belasten wir unser Gehirn mit ständigem Multitasking, werden vermehrt Stresshormone ausgeschüttet. Es schaltet in den Alarm- und Fluchtmodus. Ein Reflex aus Urzeiten, der uns mal vor Säbelzahntigern schützte. Heute fehl am Platz, wenn Alarm oft nur durch das »Ping« neuer Nachrichten ausgelöst wird. Doch unser Gehirn unterscheidet hier nicht. Mit dieser mentalen Belastung steigt nicht nur die Fehlerquote, der Stress kann auf Dauer in einen Burn-out münden – auch das belegen mittlerweile Untersuchungen. Sie zeigen zudem, dass Multitasking ein Intelligenz-Killer ist, zumindest vorübergehend. In einer Studie des Psychiatrischen Instituts der Universität London sank der IQ der Teilnehmer um zehn Punkte, wenn sie sich unterhielten und zugleich eine E-Mail schrieben. 

Um unsere grauen Zellen zu entlasten, sollten wir eine Aufgabe nach der anderen angehen. Gar nicht so einfach in unserer schnelllebigen Zeit. Doch Strategien wie die Pomodoro-Technik, benannt nach dem Küchentimer in Tomatenform, können helfen: Einfach den Wecker auf 25 Minuten stellen und nur einer einzigen Aufgabe nachgehen. Es folgen fünf Minuten Pause. Den Ablauf drei Mal wiederholen, dann eine län­gere Pause einlegen. Das bringt Struktur in den Tag und ins Gehirn. Außerdem sollten wir digital und analog möglichst trennen, etwa in Ruhe die Mahlzeiten genießen und erst danach E-Mails checken. Auch kann hilfreich sein, das Smartphone auf lautlos zu stellen, Push-Nachrichten zu unterdrücken und feste Digitalzeiten am Tag einzuführen. Wir können ja schließlich nicht fernsehen und gleichzeitig Radio hören. Also eins nach dem anderen – damit tun wir uns und unserem Gehirn einen echten Gefallen.

Quelle: S&D Verlag GmbH, Geldern – leserservice.sud-verlag.de

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