Berliner Pfannkuchen, 3 Krapfen, Faschingsdeko.

Ohrwurm – Da Capo im Kopf

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Lieder, die ins Ohr gehen und sich tief ins Gehirn fräsen, sind wie Kaugummi unterm Schuh. Sind sie da, verfolgen sie uns auf Schritt und Tritt und lassen sich nur schwer wieder abschütteln. Ohrwürmer, auch Klebelieder genannt, huschen heimlich durch unseren Gehörgang, nisten sich in unseren Hirnwindungen ein und drehen im Kopf beharrlich ihre Runden. Wie auf Repeat spult das Gehirn wieder und wieder den gleichen Jingle ab. 

Als harmlose Klänge sind diese penetranten Ohrwürmer getarnt und überfallen uns meist in Momenten, wenn wir geistig nicht allzu sehr gefordert sind. Bei Routineaufgaben wie Geschirr abtrocknen, Wäsche aufhängen oder Blumen gießen schnappen wir aus dem Radio nur diesen einen Fetzen auf: »Humba-tätärä«. Ob wir eine persönliche Vorliebe für Faschingslieder haben oder nicht, ist dem musikalischen Wurm egal. Er hat die vermeintliche Ruhe in unserem Kopf ausgenutzt und tanzt durch unsere Hirnwindungen Polonaise. 

Aus neurologischer Sicht spielt sich dabei Folgendes ab: Das Gehirn speichert im Schläfenlappen dieses kleine Teilstück einer Melodie ab, allerdings mit einem Wackelkontakt. Einzelne Songfetzen »dudeln« in unserem Kopf weiter und setzen wieder von vorne an – als hätte die Platte im Oberstübchen einen Sprung. Wir können gar nicht anders und singen in Gedanken mit. Immerhin kennt fast jeder von uns – 90 Prozent – dieses Phänomen. 

Glücklicherweise bleiben meist die Lieder haften, die wir mögen. Vielleicht lösen sie in uns bewegende Gefühle aus oder wecken schöne Erinnerungen. Manchmal ist jedoch das Gegenteil der Fall. Nervt uns der Song, wird der Ohrwurm zum Quälgeist. Die Emotionen, die wir mit dieser Musik verknüpfen, fördern den inneren Singsang. Jedoch bestimmen sie nicht allein, ob die Klänge im Kopf klebenbleiben. Entscheidend ist der melodische Aufbau. Forscher aus London haben eine Hitliste der anhänglichsten Ohrwürmer erstellt und sind dabei auf gemeinsames Baumaterial gestoßen: Tonhöhen, die zuerst ansteigen, dann abfallen, fordern förmlich ihr Da Capo. Kinderlieder wie »Alle meine Entchen« verfolgen häufig dieses Muster. Das gleiche Schema findet sich auch in der Welt der Party-, Schlager- und eben Karnevalsmusik. »Marmor, Stein und Eisen bricht« hat diesen tanzbaren Rhythmus und einen eingängigen Refrain, der idealerweise mitten ins Herz trifft – und als Ohrwurm im Kopf bleibt. Gibt es dafür ein Gegenmittel, etwa die ultimative Ohrwurm-Kur? 

Experten sagen: Konfrontation ist die beste Therapie. Das Klebelied in voller Länge zu hören, greift den sogenannten Zeigarnik-Effekt auf. Diesem psychologischen Phänomen liegt ­zu­grun­de, dass sich uns unerledigte Dinge permanent aufdrängen. Der Mu­sik­fetzen, den wir im Radio nur beiläufig aufgeschnappt hatten, drängt also nach Vollendung, indem er sich als Ohrwurm kontinuierlich in Erinnerung ruft. Eine andere Theorie meint: Wir sollten uns mit einer geistig herausfordernden Aufgabe beschäftigen und der »Liedfessel« keine weitere Aufmerksamkeit schenken. Über die Tricks, das trällernde »Tierchen« auszuwildern, scheiden sich also die Geister. Eine englische Studie wiederum hat herausgefunden, dass Kaugummikauen helfen soll. Denn jene Hirnwindungen, die den Ohrwurm hereingelassen haben, steuern gleichzeitig die Kiefermuskulatur. Durch die Kaubewegungen werde das Gehirn vom musikalischen Wiederkäuen abgelenkt, weil es Essen als existenziell wichtiger empfindet als Singen. Einfach mal ausprobieren und hoffen, dass die Ohrwurm-Karawane weiterzieht …

Quelle: S&D Verlag GmbH, Geldern – leserservice.sud-verlag.de

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