Psychologie: Wie die Zeit vergeht
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Weihnachten war gefühlt gestern, nun ist schon bald wieder Ostern … Die Monate und Jahre rasen dahin! So empfinden es vor allem ältere Menschen, und das ist mehr als reine Einbildung. Gehen Sie mit uns auf eine Zeitreise!
Früher hätten wir diese Redewendung milde belächelt: »Kinder, wie die Zeit vergeht …« Heute spricht sie uns aus der Seele. So mancher fühlt sich in einer Zeitmaschine gefangen und fragt sich besorgt: »Verfliegen die Jahre im Alter immer schneller? Geht mir kostbare Zeit verloren?« Dabei kann Zeit doch gar nicht schneller, langsamer oder gar verloren gehen – oder vielleicht doch?
Was sagt die Forschung?
Grundsätzlich ist Zeit eine feste Größe: Jedes Jahr hat 365 Tage, alle vier Jahre einen mehr, und jede Stunde dauert 60 Minuten. Dennoch geben in einer britischen Studie 77 Prozent der Erwachsenen an, dass Weihnachten jedes Jahr (gefühlt) schneller vor der Tür steht. Kinder hingegen empfinden es als Ewigkeit. Neurowissenschaftler und Psychologen haben herausgefunden, warum wir Zeit in verschiedenen Lebensphasen so unterschiedlich wahrnehmen und wie wir dem Gefühl der verlorenen Zeit entgegenwirken können.
Emotionen verlängern das Zeitgefühl
Unsere ersten drei Lebensjahrzehnte stecken voller neuer Erlebnisse: der erste Schultag, die erste Liebe, der erste Job … Das hält unser Gehirn ordentlich auf Trab und wird als Erinnerung gespeichert. Die Fülle der Ereignisse sorgt dafür, dass wir diese Phase in der Rückschau als besonders intensiv und »lange« empfinden. Dabei spielt der Hippocampus, unser Archiv im Gehirn, eine wichtige Rolle. Hier werden Ereignisse mit Zeit und Ort hinterlegt. Der präfrontale Cortex, eine weitere Hirnregion, bewertet sie und versieht sie mit Emotionen. Je mehr neue, spannende und emotional bewegende Ereignisse gespeichert sind, desto erfüllter und länger erscheint die Zeit.
Gehirn auf Autopilot
Die nachfolgenden drei Jahrzehnte – von 40 bis 70 – sind hingegen mehr von Routinen geprägt, im Job, in der Familie und im Alltag. Nehmen wir das Autofahren als Beispiel: Waren die ersten Touren mit dem frischen Führerschein noch richtig aufregend, fahren wir jetzt ohne nachzudenken, quasi mit Autopilot. Solche Routinen sorgen dafür, dass unser Gehirn weitgehend abschaltet und diese Phase mit wenig Erinnerungen und Emotionen verbunden ist. Da herausragende Ereignisse seltener sind, vergeht die Zeit tatsächlich wie im Flug, erscheint im Rückspiegel wenig bedeutsam und daher schneller vergänglich. Das Gefühl der Vergänglichkeit beunruhigt vor allem Menschen um die 60 und kann sogar in eine Altersdepression münden. Zum Glück gibt es Auswege aus dem Zeit-Dilemma.
Ruhestand bedeutet nicht Stillstand
Psychologen raten, die kommenden Lebensjahre mit reichlich neuen Inhalten zu füllen und den Ruhestand aktiv zu gestalten: reisen, eine Sprache lernen, Koch-, Mal- oder Tanzkurse besuchen. Nicht so Ihr Ding? Dann ist ebenso hilfreich, Ihre Routinen zu durchbrechen. Öfter mal vom Auto aufs Rad umsteigen, beim Spazierengehen neue Wege erkunden oder in einem anderen Supermarkt einkaufen als gewöhnlich. Genießen Sie Alltagsmomente ganz bewusst: den Kaffeeduft am Morgen, das Wasserrauschen unter der Dusche, das Zwitschern der Vögel, wenn Sie das Fenster öffnen … Auch kleine Achtsamkeiten bieten dem Gehirn neue Ereignisse, die gespeichert werden und uns jeden Tag bewusster (und länger) erleben lassen. Um verlorene Zeit müssen wir uns dann nicht mehr sorgen.
Quelle: S&D Verlag GmbH, Geldern – leserservice.sud-verlag.de
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