Tierschutz im XXL-Format - Vom: 14.07.2018

Tierschutz im XXL-Format

Das rumänische Tierheim Smeura bei Pitesti, etwa 120 km von Bukarest entfernt, ist laut dem „Guiness-Buch der Rekorde“ das derzeit größte Tierheim der Welt. Es bietet Hoffnung für 5.400 verfolgte Straßenhunde. Täglicher Futterbedarf: 2,7 Tonnen.

von Beate Müller

Sie prägen das Bild Rumäniens – die Straßenhunde. Angst, Hunger, Durst, Kälte und Krankheiten bestimmen ihr tägliches Dasein. Sie sterben einsam, namenlos, und ohne jemals eine liebende Hand gespürt zu haben.

Der deutsche Tierschutzverein „Tierhilfe Hoffnung – Hilfe für Tiere in Not e.V.“ beschäftigt sich seit 17 Jahren mit der effektiven Linderung und Lösung der Straßenhundeproblematik in Rumänien. Zu dieser Zeit ergab eine nachweisliche Zählung einen Bestand von 33.000 unkastrierten Straßenhunden im Landkreis Arges und der Stadt Pitesti. Durch den Kauf der ehemaligen Fuchsfarm Smeura und der sofortigen Umsetzung flächendeckender Kastrationsprogramme konnte neben der Beherbergung, Versorgung und medizinischen Behandlung der Hunde, der soliden Hundevermittlung TRACES nach Deutschland und durch Aufklärungskampagnen und Schulprojekte eine Reduktion auf insgesamt 4.500 freilebende kastrierte Hunde erzielt werden.

Dank dem konsequenten Vorgehen von Juristen gelang es hier, die Anwendungsnormen des bestehenden Tötungsgesetzes außer Kraft zu setzen. Trotz bestehendem und geltendem Urteil werden innerhalb des Landes weiterhin Straßenhunde eingefangen. Seit der am 12.11.2013 begonnenen Hetzjagd auf Straßenhunde innerhalb des Landkreises Arges und der Stadt Pitesti wurden durch die städtischen Hundefänger überwiegend kastrierte Straßenhunde auf unprofessionelle und dilettantische Art und Weise eingefangen und im städtischen Tierheim verwahrt. Die Tiere fristen dort ein 14-tägiges, tierschutzwidriges Leben. Danach werden sie, gemäß einem Abkommen mit dem Bürgermeister, von der Tierhilfe Hoffnung in die Smeura übernommen und so vor dem sicheren Tod bewahrt.


Alltag im XXL-Format

Tagtäglich herrscht Hochbetrieb in der Smeura: Um 05:30 Uhr beenden die beiden Nachtwächter ihre Arbeit. Ihr letzter Handgriff dient der Vorbereitung des Futters und der Haferflocken für die vielen Welpen, die am Morgen in der Tierklinik für kranke Hunde und Welpen benötigt werden. In vielen Nächten werden Notfälle gemeldet. Die Mitarbeiter der SMEURA suchen in der Dunkelheit, oft unter sehr schwierigen Bedingungen, nach einem Hund, der unbeachtet von vorbeifahrenden Autos verletzt am Straßenrand liegt oder aber bewusst verletzt wurde und hilflos umherirrt. Im OP-Saal, der ständig für Operationen vorbereit ist, sind rund um die Uhr drei Tierärzte beschäftigt. Von der täglichen Stadtfahrt bringen die Mitarbeiter oft bis zu 20 unkastrierte und verletzte Hunde mit, die in der Tierklinik, die im Januar 2015 fertiggestellt wurde und Platz für 150 Tiere bietet, erstversorgt zu werden. Dort werden sie auch geimpft, gechipt und kastriert. Die tägliche Visite der Tierärzte umfasst auch die Paddocks, um Medikamente zu verabreichen und um notwendige Nachuntersuchungen vornehmen zu können.

Nach der Frühbesprechung finden sich alle Tierpfleger mit ihren vollbeladenen Schubkarren vor den großen Paddockreihen ein und starten gleichzeitig, jeder in seiner Reihe, mit der Fütterung. Diese Regelung ist sehr wichtig, damit es unter den Hunden zu keinem Futterneid kommt und Auseinandersetzungen vermieden werden. Jeder hat zwischen 95 und 130 Tiere pro Paddockreihe zu versorgen.

Fahrt in ein bessres Leben

Der Förderverein „Tierhilfe HOFFNUNG – Hilfe für Tiere in Not e.V.“hat deutschlandweit 105 Partnertierheime, von wo aus die Hunde nach 14-tägiger Quarantäne vermittelt werden können.

Vor der Abreise nach Deutschland in eine hoffentlich bessere „kleine Hundewelt“ wird eine letzte Untersuchung vorgenommen, so dass alle Hunde über das von der EU verpflichtende und durch die Veterinärämter überwachte System TRACES (Trade Control an Expert System) ohne Probleme mit einem EU-Pass ausreisen dürfen. Wöchentlich können zwischen 60 bis 80 Hunde die Fahrt in eigenen Transportern, die für den Sommer mit einer Klimaanlage ausgestattet sind, nach Deutschland antreten. Während der fast 30-stündigen Fahrt werden die Tiere in regelmäßigen Abständen versorgt. In Österreich haben tierliebe Menschen einen unbewohnten Bauernhof für eine Pause zur Verfügung gestellt. In einem der Partnertierheime angekommen, dürfen sich Frauchen und Herrchen dann um ihren neuen Freund bewerben, der es nach dieser Vergangenheit verdient hat, einen liebe- und verständnisvollen Menschen zu finden, der ihm wohlgesonnen ist.

Tierschutz macht Schule

Nach dem Motto: „Schutz und Umgang mit Tieren“ führt der Förderverein in Rumänien mit einer extra für diesen Einsatz ausgebildeten Tierschutzlehrerin an 16 Partnerschulen umfangreiche Projekte mit Tierschutzunterricht durch. Sie arbeitet dafür regelmäßig in Schulprojekten mit altersgerechtem, speziell auf Rumäniens Situation abgestimmtem Lernmaterial. Das Ziel ist, mit diesem Unterricht die nachfolgende Generation für Tierschutzfragen zu sensibilisieren. Die Kinder sind mit sehr großem Interesse und mit sehr viel Mitgefühl aktiv bei der Sache, und lernen so einen liebevollen Umgang mit den Vierbeinern.

In einem Land, in dem der Tierschutz noch sehr wenig Beachtung findet, und wo das Mitgefühl für Tiere kaum vorhanden ist, zeigt sich täglich, wie sensibel die rumänischen Kinder auf dieses Thema reagieren. Für besonders interessierte Kinder bietet der Förderverein auch Schnuppernachmittage in der Smeura an, die begeistert angenommen werden.

Vierbeinige „Lehrer“

Seit dem Jahr 2017 gibt es ganz aktuell ein Projekt speziell für Kinder mit Leseschwäche.

Die Kinder dürfen in der Smeura zu den Hunden in die Sozialisierungsräume, und können sich dort sozusagen „beschnuppern“, um sich gegenseitig kennenzulernen. Zwischen Kissen und Decken, versorgt mit Leckerlis für die Hunde, lesen die Kinder den Tieren mit leiser Stimme vor. Der Zweck: Die Hunde kritisieren nicht und lachen auch nicht aus, wenn ein Kind mit dem Lesen Probleme hat, und nicht so flüssig vorlesen kann. Sie hören geduldig zu, und genießen die Zuwendung. Viele Kinder sitzen mit dem Hund in seinem Körbchen - für beide Beteiligten eine ganz neue und schöne, positive Erfahrung.

www.tierhilfe-hoffnung.de

Quelle: S&D Verlag GmbH, Geldern

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