Gänsehaut Momente - Vom: 08.10.2017

Gänsehaut Momente

Seit Urzeiten lassen sich Menschen von poetischer Sprache verzaubern, sie trifft unseren Geist und unsere Seele. Wir hören oder lesen ein Gedicht und starke Gefühle ergreifen uns derart, dass wir Gänsehaut bekommen. Warum? Das fragten sich Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main und begaben sich auf die Spur von körperlichen sowie neuronalen Vorgängen.

von Claudia Scholtyssek

Die emotionale Kraft der poetischen Sprache ist wohl der Grund, dass wir ihr überall begegnen – in kulturellen, rituellen, erzieherischen oder akademischen zusammenhängen. In einer groß angelegten Studie untersuchten Wissenschaftler, woher unsere Reaktionen auf bewegende Gedichte eigentlich kommen. Als ein deutlich erkennbares Zeichen für starkes Bewegtsein nutzten sie das Entstehen von Gänsehaut, welches bei den Teilnehmern mithilfe einer eigens dafür gebauten Kamera erfasst wurde.

Entscheidender Gefühlsmix

War es überhaupt möglich, von einem rezitierten Gedicht so stark bewegt zu werden, dass eine Gänsehaut entsteht? Es stellte sich heraus: Ja. Und nicht nur bei bekannten und beliebten Gedichten, sogar auch bei denen, die zum ersten Mal gehört wurden. Allerdings begleiteten bestimmte Gesichtsausdrücke diese Gänsehautmomente, die erstaunlicherweise eher auf erlebte negative Emotionen schließen ließen. Gleichzeitig kam es auch zu Aktivierungen des Belohnungssystems im Gehirn. Wie passte das zusammen? Der Schlüssel liegt hierbei in der Beschaffenheit der Emotion, in diesem Fall im Bewegtsein. Es handelt sich um einen Gefühlsmix, den bereits Friedrich Schiller vor 225 Jahren als »gemischte Empfindung des Leidens und der Lust an dem Leiden« beschrieb.

Klaviatur der Erwartungen

Wann die Gänsehautmomente auftauchen, hängt eng mit den Regeln der poetischen Sprache zusammen. So zeigte sich diese Reaktion im Verlauf der Studie besonders bei wörtlicher Rede, einem Mittel, das auf das soziale Empfinden zielt. Ebenso häuften sich die Gefühlsschauer jeweils am Ende einzelner Verse, Strophen und vor allem am Schluss des ganzen Gedichts. Die Form des Reimens erweckt beim Zuhörer eine starke Erwartungshaltung auf nachfolgende Zeilen. Kontinuierlich prüft dabei das Vorhersagesystem im Gehirn, welches sich mit dem Belohnungssystem überlappt, inwiefern das Gehörte Erwartungen erfüllt oder verletzt. Auch der inhaltliche Aufbau lässt auf eine finale Lösung oder Zuspitzung hoffen. Dichter wissen offenbar mit solcher Kraft auf der Klaviatur unserer Gefühle und Erwartungen zu spielen, dass sie uns insbesondere am Ende von Spannungsbögen einen Schauer über den Rücken laufen lassen können.

Quelle: S&D Verlag GmbH, Geldern

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