Das macht Ihr Immunsystem fit - Vom: 03.11.2015

Wie weit ist die Insulin-Impfung?

Die erste Hürde ist schon genommen: In einer Studie mit stark diabetesgefährdeten Kindern erzielte ein internationales Wissenschaftler-Team gute Erfolge. Doch dauern sie an?

Diabetes Typ 1 beginnt meist bereits im Kindesalter und bedeutet: ein Leben lang Insulin spritzen, und zwar mehrmals am Tag. Denn bei dieser Autoimmunerkrankung greift das körpereigene Immunsystem die Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse an und zerstört sie nach und nach. Damit fehlt dem Körper der Botenstoff Insulin. Der ist jedoch unverzichtbar, um den Zucker aus der Nahrung in Energie umzuwandeln.

Fehlgesteuertes Immunsystem austricksen

Ausgelöst wird diese Autoimmunreaktion durch Antigene wie zum Beispiel das Insulin selbst, die der Organismus fälschlicherweise als Fremdkörper einstuft und bekämpft. Im Normalfall baut das Immunsystem dagegen in den ersten Lebensjahren eine Immuntoleranz gegen die körpereigenen Proteine auf, damit sie nicht irrtümlich von den eigenen Abwehrzellen angegriffen werden. Zusätzlich werden Zellen bereitgestellt, welche die Zerstörung der eigenen Zellen verhindern. Diese positive Immunantwort bei gesunden Kindern diente dem internationalen Forscherteam als Vorbild. Mit Hilfe von Insulin-Pulver zum Schlucken wollen sie das fehlgeleitete Immunsystem von stark Diabestes-gefährdeten Kindern umerziehen und noch vor dem Ausbruch der Erkrankung eine gesündere Immunreaktion antrainieren.

Viel versprechende Studienergebnisse

In der Pre-POINT Studie wurden Kinder mit einem hohen Erkrankungsrisiko für Typ 1 Diabetes in Deutschland und drei anderen Ländern über durchschnittlich ein halbes Jahr einmal täglich mit oralem Insulin behandelt. Eine Kontrollgruppe erhielt zum Vergleich nur ein wirkungsloses Placebo. Die Gruppe mit dem echten Wirkstoff nahm das Insulin in ansteigender Dosis als Pulver zusammen mit der Nahrung ein. Und tatsächlich: In der höchsten Dosis rief das Insulinpulver schließlich die erhoffte Immunantwort hervor. Der Körper hatte sich offenbar umgestellt, und zwar ganz ohne unerwünschte Nebenwirkungen. „Das zeigt, dass wir die regulären Vorgänge im Körper eines gesunden Kindes, die eine Typ 1 Diabetes-Erkrankung verhindern, erfolgreich nachgeahmt haben.“, freut sich Studienleiter Professor Ezio Bonifacio von der TU-Dresden. Da das Insulin in Pulverform im Magen aufgespalten wird, hatte es keinen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel. „Wir vermuten, der Hauptanteil der Immunreaktion auf das Insulin läuft bereits im Mund ab“, ergänzt Bonifacio.

Neuartiger Therapie-Ansatz

Insulin schon vorbeugend als Impfstoff zu einem Zeitpunkt zu verabreichen, an dem Diabetes-Risiko-Kinder noch keine selbstschädigende Autoimmunreaktion entwickelt haben, ist ganz neu. „Dies ist eine Revolution bei der Behandlung von Typ 1 Diabetes“, findet Professor Anette-Gabriele Ziegler vom ebenfalls beteiligten Institut für Diabetesforschung. „Aber die Vorgehensweise ist nur folgerichtig: Wenn das Immunsystem die schützende Immunantwort nicht von selbst lernt, muss die Medizin eben ein bisschen Nachhilfe geben.“

Die nächsten Schritte

In nachfolgenden Studien soll nun eine größere Anzahl von Babys, die Typ 1 Diabetes-Risikogene und erkrankte Verwandte und somit ein hohes Erkrankungsrisiko haben, mit Insulin behandelt werden. Sollte der Impfstoff die Autoimmunerkrankung dauerhaft verhindern, wäre der Weg frei für eine flächendeckende Vorsorgeimpfung.

Ein hohes Risiko, an Diabetes 1 zu erkranken, haben Kinder, wenn bereits mehrere Verwandte ersten Grades wie Vater oder Mutter oder ein Geschwisterkind Diabetes Typ 1 haben und Risikogene nachweisbar sind.

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