Melodien gegen das Vergessen - Vom: 13.12.2018

Melodien gegen das Vergessen

Musik kann Wunden heilen – körperliche und seelische. Wie eine Medizin wirkt sie bei Depressionen, Ängsten und bei Demenz.

Menschen mit Demenz sind oft schwer zugänglich und leben in ihrer eigenen kleinen Welt. Worte verlieren für sie mehr und mehr an Bedeutung. Ganz anders ist es mit Musik. »Musik«, sagt Prof. Dr. Dorothea Muthesius, »baut eine Brücke zu den Menschen. Patienten finden einen Weg aus ihrer Lethargie, wenn sie vertraute Melodien hören.« Was schafft Musik, wo Sprache ihre Wirkung längst verloren hat?

Große Gefühle

Musik wirkt auf das Gehirn. »Sie weckt Erinnerungen und Gefühle«, so die Musiktherapeutin. Selbst dann, wenn die Demenz bereits ein fortgeschrittenes Stadium erreicht hat. »Lieder, die uns durch die frühen Lebensjahre begleitet haben, haben für uns oft eine große emotionale Bedeutung. Sie sind ein Teil unserer Biografie. Die Musik von damals«, sagt die Expertin, »bleibt in einem Hirnareal gespeichert, das mit komplexen motorischen Fähigkeiten in Verbindung steht. Tests haben ergeben, dass dieser Bereich im Gehirn von der Demenz gar nicht – oder erst sehr spät – betroffen ist. Hier findet der geringste Nervenzellverlust statt. Auch der Hirn-stoffwechsel sinkt weniger stark ab als in anderen Hirngebieten.«

Therapeutisches Instrument

Die Erkenntnis, dass das langzeitliche Musikgedächtnis trotz Alzheimer-Erkrankung weitgehend intakt und funktionstüchtig bleibt, hat die Arbeit mit Demenzpatienten verändert. »Im Klinikalltag«, so Prof. Dorothea Muthesius, »ist Musik inzwischen ein wichtiges therapeutisches Instrument geworden. Musik«, erzählt sie, »hilft Menschen mit Demenz, Gedächtnisinhalte zu beleben. Schöne Erinnerungen werden wach und rufen Gefühle hervor.« Patienten, die ihre Fähigkeit zu sprechen bereits verloren haben, können vertraute Liedzeilen mitsingen. Dann ersetzt Musik die Sprache.

Individuelles Musikgedächtnis

»In der Musiktherapie ist es wichtig«, so Prof. Dorothea Muthesius, »dass wir mit jedem Demenzpatienten ein individuelles Musikprogramm finden. Lieder, die sie aus ihrer frühen Jugend kennen, wecken innere Bilder«, erklärt sie. »So fühlen sich die Menschen in ihrer Identität gestärkt. Sie verlieren ihre Ängste – wenn auch kurzfristig. Sie werden aktiver und offener für ihre Umwelt. Denn Musik macht Lust, sich zu bewegen.«

Musik kann Demenz zwar nicht heilen, »aber sie erhöht die Lebensqualität«. Prof. Dr. Dorothea Muthesius hat die Erfahrung gemacht: »Musik öffnet das Herz und weckt Gefühle, für die es sonst keine Worte gibt«.

»Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an

Gut fürs Herz

Nicht nur bei Demenz – auch bei vielen anderen Symptomen – zeigt Musik eine wohltuende Wirkung. Studien haben ergeben, dass meditative Klänge einen positiven Einfluss auf die Herzfrequenz haben. Wenn sich das Herz gut an Belastungen anpasst, verringert sich das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, um bis zu 45 Prozent.

Weniger Schmerzen

Sanfte Klänge haben auch vor Operationen einen beruhigenden Effekt. Sie senken die Ausschüttung von Stresshormonen. Patienten haben weniger Schmerzen und weniger Ängste. Musik kann einen Krankenhausaufenthalt zwar nicht verkürzen, aber sie gibt Gefühle von Sicherheit und Geborgenheit – ganz ohne Nebenwirkungen.

Quelle: S&D Verlag GmbH, Geldern

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