Körpergewicht – »Fett ist kein Feind«

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Selten willkommen und ein denkbar schlechtes Image: Körperfett hat wenig Fans. Prof. Dr. Anna-Theresa Lipp erforscht das ungeliebte Gewebe und ist fasziniert von seinen Eigenschaften. Obwohl sie selbst lange unter einem Lipödem litt, findet sie Fett durchaus sympathisch. Warum, verrät uns Deutschlands jüngste Fachärztin für Plastische & Ästhetische Chirurgie im Interview.

Frau Dr. Lipp, wofür brauchen wir Körperfett?

Dr. Anna-Theresa Lipp: Fett erfüllt eine Reihe wichtiger Funktionen. Es ist unser Schutzpolster, sowohl nach außen als auch für die Organe im Körper. Es isoliert, wärmt und versorgt uns in Hungerphasen mit Energie. Ohne Fett könnten wir nicht leben. Die einzelnen Zusammenhänge waren lange unerkannt und finden nun wachsende Beachtung.

Fett hat ein denkbar schlechtes Image. Warum sollten wir umdenken?

Dr. Anna-Theresa Lipp: Obwohl ich täglich krankhafte Fettschichten, die im Rahmen eines Lipödems entstehen, entferne, habe ich das Gewebe schätzen gelernt. Das schlechte Gefühl, das wir mit dem Thema Fett verbinden, ist ein Ausdruck dafür, dass etwas schiefläuft: in der Gesellschaft, bei der Ernährung, rund um Körperideale. Die Rundungen der weiblichen Figur beispielsweise verdanken wir zu einem Großteil der Verteilung von Körperfett, und die sind doch schön. Außerdem ist der Fettstoffwechsel äußerst wichtig: Er gibt uns Energie und macht wertvolle Fettsäuren für den Körper verfügbar.

Ist das Körperfett genetisch festgelegt?

Dr. Anna-Theresa Lipp: Es ist tatsächlich so: Eltern sind verantwortlich für das Fett ihrer Kinder. Startet die Mutter mit Übergewicht in die Schwangerschaft, kommt das Kind auch mit einer entsprechenden Veranlagung auf die Welt. Wie viel die Schwangere bis zur Geburt zulegt, hat dagegen keinen Einfluss. Die Ernährung in der Kindheit ist ebenfalls entscheidend: Etwa bis zum fünften Lebensjahr wird die Anzahl der Fettzellen festgelegt, mit der jemand später durchs Leben geht. Im Erwachsenenalter können die Fettzellen zwar ihre Größe verändern, aber die Anzahl bleibt.

Können wir dann Übergewicht überhaupt loswerden?

Dr. Anna-Theresa Lipp: Ja, wir können die Größe der Fettzellen beeinflussen. Sie haben ein Gedächtnis und wollen immer möglichst so gefüllt werden, wie sie es gewohnt waren. Das ist der Grund für den berüchtigten Jojo-Effekt: Man landet wieder beim Aus-

gangsgewicht, auch wenn eine Diät anfangs erfolgreich war. Aber Fettzellen können umlernen, ihr Größengedächtnis hält durchschnittlich zwei Jahre. Haben sie so lange die gleiche Größe, ist ihr »Höchstfüllstand« umprogrammiert. Wer sein neues Gewicht also etwa zwei Jahre lang hält, hat beste Chancen, nicht wieder unkontrolliert zuzunehmen.

Es gibt aber auch »schlechtes« Fett. Welches ist wirklich nicht nett?

Dr. Anna-Theresa Lipp: Vor allem das viszerale Fett, das die Organe umschließt, das sogenannte Bauchfett. Zu viel davon drückt auf innere Gewebe und ist ein Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie andere Gesundheitsprobleme. Es ist sehr stoffwechselaktiv, ein Risiko für Diabetes und produziert Botenstoffe, die Entzündungen hervorrufen können. Gegen diese Art Fett sollte jeder angehen.

Was wünschen Sie sich im Umgang mit dem Thema Fett?

Dr. Anna-Theresa Lipp: Dass wir verschiedene Perspektiven betrachten. Fett ist nicht per se ein Feind. Außerdem mehr Gelassenheit in der Betrachtung des eigenen Körpers. Je verbissener wir gegen Körperfett kämpfen, desto schwieriger werden wir ungeliebte Polster wieder los. Trotz negativer Erfahrungen muss niemand leiden. Wer sich mit der Welt des Fetts beschäftigt, wird vieles verstehen und kann gezielter handeln.

Quelle: S&D Verlag GmbH, Geldern

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